Passierte Formen 2000-2025 - Olav Schiedel Audioerklärungen

Station 01

Eröffnungsrede Svenja Langer

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Station 02

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Station 03

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Station 04

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Station 05

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Station 06

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Station 07

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Station 08

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Station 09

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Station 10

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Station 11

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Station 12

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Station 13

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Station 14

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Station 15

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Station 16

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Station 17

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Station 18

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Station 19

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Station 20

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Station 21

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Eröffnungsrede Svenja Langer

Ich begrüße alle Anwesenden herzlich zur Eröffnung der Ausstellung „Passierte Formen“ des Künstlers Olav Schiedel. Als Vorsitzende des Raum für Kunst und viel wichtiger, als Freundin des Künstlers darf ich Sie nun in das Ausstellungsprojekt einführen, von dem wir hier umgeben sind.

Olav und ich kennen uns durch den Raum für Kunst. Seit etwa 5 Jahren sind wir Atelierkollegen hier. Ich würde sagen, ich weiß eigentlich ganz gut Bescheid darüber, was Olav künstlerisch so macht. Zumindest über die letzten 5 Jahre. Und hier ist auch der Haken: diese Ausstellung zeigt eine Retrospektive über sein künstlerisches Schaffen der letzten 25 Jahre, vom Jahr 2000 bis heute. Das Jahr 2000 – ich kann mich noch ganz gut daran erinnern, was ich ziemlich genau zu dieser Zeit gemacht habe. Ich hatte ein rotes Cordkleid an, eine frisch geschnittene Kurzhaarfrisur, war vielleicht 1 Meter 20 groß und wurde von meiner Klassenlehrerin Frau Hauser aufgerufen – Svenja Langer kommt in die 1C.

Zu heute: Eigentlich dachte ich, dass ich heute Abend überhaupt nicht hier sein kann. Umstände haben nun aber ergeben, dass ich nun doch hier bin. Heute Mittag habe ich dann Olav von der freudigen Nachricht erzählt und prompt erhielt ich die Einladung, einen Eröffnungsvortrag zu halten. Seien Sie also nachsichtig mit mir: dieser Vortrag ist das spontane Ergebnis eines Blind-Dates mit Kunst, die ich vorher nicht gesehen habe und anfing zu entstehen, als ich gerade Lesen und Schreiben gelernt habe.

Olavs Oeuvre zu kategorisieren, ist gar nicht so leicht. Es lässt sich nicht einfach einer bestimmten Gattung zuordnen. Ich würde sagen, es bewegt sich irgendwo im Spannungsfeld zwischen Malerei, Grafik und Bildhauerei. Was wir sehen sind Formen von grafischer Malerei und malerischer Grafik; wir sehen bildhauerische Grafik, die vom Objekt ausgeht und bemalte Bildhauerei, die wieder Grafik wird. In 25 Jahren sind also ganz unterschiedliche Medien, Materialien und Techniken zusammengekommen. Um eine persönliche Handschrift zu beschreiben, müssen wir also wo anders suchen.

Wenn Sie mich fragen, ist die Frage nach der ‚Form‘ ein ganz zentraler Aspekt in der gesamten Werkschau. ‚Passierte Formen‘ betitelt Olav schließlich die Ausstellung hier. Was wir sehen ist nicht ein Formenbrei wie passierte Tomaten, sondern eine 25 Jahre lange, unabgeschlossene Suchbewegung zur Formfrage in der Kunst.

Die ‚Form‘ ist für mich als Bildhauerin wiederum eine zentrale skulpturale Kategorie. Zurück zur Gattungsfrage: Ich finde, Olav legt einen skulpturalen Blick auf die Welt an, indem er die ‚Form‘ mit Mitteln der Malerei, Grafik und Bildhauerei befragt. Dabei legt er einen experimentellen Ansatz an: wir finden experimentelle Techniken zur Formfindung auf der Fläche und wir finden experimentelle Formen des Materialumgangs im Raum. In den entstandenen Bildern und Objekten sehen wir vor allem Ergebnisse von experimentellen Formfindungsprozessen, in denen der gesteuerte Zufall eine große Rolle spielt. Olav ist nicht die Sorte Künstler, der sein Bild im Vorfeld minutiös durchplant, um es dann nur noch umzusetzen. Vielmehr können wir in den einzelnen Bildern und Objekten intensive und hochkomplexe Prozesse des Suchens und Findens ablesen. Wer Olav kennt, der weiß, dass hier Gefühle und Emotionen eine große Rolle spielen. Was ich damit nicht meine, ist, dass er in seinen Bildern versucht, Gefühle zu illustrieren. Ich meine damit, dass er in seinen Bildern auf sich selbst und seine Wahrnehmung reagiert. Häufig steht am Anfang eine irgendwo in der Welt gefundene oder eine spontane, selbst erzeugte Form. Diese Form sieht er sich an, und er fühlt sich in die Form ein. Und dann kommt eine ganz besondere, einzigartige Qualität zum Tragen: mit dem, was Olav dann fühlt, reagiert er weiter auf die Form. Was so im Prozess passiert, sind einzigartige Gefühlsformen, die – wie ich finde – auf beeindruckende Art und Weise in den Bildern transportiert werden.

Was können wir nun an den Formen ablesen? In den Werken zwischen 2000 bis 2010 lässt sich herausstellen, dass die Fläche noch stärker im Vordergrund steht. Linie und Fläche stehen hier im Dialog. Wir sehen zum Beispiel eine ausgebrannte Böllerbatterie, die Olav am Neujahrsabend 2000 gefunden hat. Sie dient ihm zunächst als Druckstock, die ein Linienspiel zu erzeugen vermag. Später erkannte Olav, dass die Böllerbatterie auch autonome ästhetische Qualitäten hat und betrachtet sie als Skulptur. Er bemalt die Skulptur schließlich, sodass die Böllerbatterie zu einem Farbobjekt wird, das Fläche und Linie in eine spannungsreiche Beziehung zueinander setzt.

Die Jahre 2019 und 20 bezeichnet Olav als ‚Neustart‘. Hier verschiebt sich eine Dominanz der Fläche zugunsten einer Dominanz der Linie. Es ist vor allem die gestische, handschriftartige Linie, die hier konstitutives Ausdruckselement wird. Es lässt sich eine Entwicklung beobachten, in der Olav damit beginnt, die Farbe anders zu betrachten:

Anstatt Farbe als Mittel einzusetzen, um Flächen und Linien zu erzeugen, legt er vielmehr eine Betrachtung von Farbe als ‚Material‘ an. Die Bilder sind Ergebnisse der Agitation zwischen Künstler und Farbmaterial, sie berichten von hochenergetischen Bildwerdungsprozessen im Umgang mit einem Material. Spätestens hier wird klar: Olav mag keine geraden Linien und rechte Winkel. Er mag schwarze Linien. Seine Linien gestikulieren und oszillieren dabei zwischen Chaos und Kontrolle, Spontanität und Konstruktion. Was im Jahre 2000 bei der Böllerbatterie begann, findet auch hier seine Fortsetzung: die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Alltagsgegenstand. Olav befragt Dinge, die sich im alltäglichen Gebrauch einer bewussten, reflektierten Wahrnehmung entziehen. Er befragt sie auf ihnen inhärente Eigenschaften, auf Verwendungsweisen und Funktionskontexte. Und darauf, was die Dinge darüber hinaus werden können. Was ist eigentlich ein Kabel? Für Olav ist es eine Linie, die sich dynamisch im Raum zu neuen Formkonstellationen ausgestalten lässt.

Mit den Scherbenskulpturen wird nicht einfach die Dachpfanne als Material befragt. Es handelt sich um Skulpturen aus zerschellten Dachpfannen vom Tornado, der 2022 durch Paderborn gefegt ist. Spätestens hier werden gesellschaftskritische Fragen unmittelbar in die Werkebene geholt, die in Olavs aktuellen künstlerischen Werken pointiert, mithin sogar auf die Spitze getrieben werden. Mit einem Tonertransferverfahren – einer Form von Umdruckverfahren – realisiert er künstlerische Transformationsprozesse von vorgefundenem Material. Mit Ausgangsmotiven aus Zeitschriften und anderen Printmedien befragt Olav den menschlichen Körper sowie mediale Darstellungsformen, und wirft dabei politische und gesellschaftskritische Fragestellungen auf. Seine Arbeiten stellen Fragen nach Perfektion und Chaos, Utopie und Dystopie, nach Abriss und Aufbau, kaputter und heiler Welt.

Insgesamt ist auffällig, dass sein Oeuvre zwischen den Kategorien ‚Abstraktion‘ und ‚Gegenstand‘ changiert und gerade hierdurch einen spannungsreichen Dialog entzündet. An vielen von Olavs Werken lässt sich die Frage verhandeln, ob unser Gehirn überhaupt dazu fähig ist, reine Abstraktion wahrzunehmen. Olavs Interesse gilt häufig der Erkennung wiedererkennbarer Formen im scheinbar völlig Abstrakten. Zufällig generierte, scheinbar komplett wirre Form- und Linienkonglomerate dienen Olav als Inspirationsfundus zur Erkennung von Formen, die er hin und wieder direkt im Bild herausarbeitet – oder er überlässt es den Betrachtenden, selbst erkannte Formen imaginativ auszugestalten.

Neben dem menschlichen Kopf gibt es noch ein bestimmtes Motiv, das die letzten Jahre immer wieder auftaucht: die Katze. Ihren Ursprung hat das Motiv in Olavs Studienzeit. Viele seiner Kommilitonen und Kommilitoninnen haben hier ästhetische Forschung zu einem persönlichen Thema betrieben. Olav wurde häufig gefragt, ob er etwas zu der Forschung beisteuern und etwas in ihre Forschungsbücher zeichnen kann. Das ‚persönliche‘ Forschungsthema war oft die ‚Katze‘, und da Olav nach eigener Aussage ‚nicht so gut zeichnen kann‘, hat er sich hier auf den Umriss, d. h. die Form einer Katze von hinten konzentriert. Und Olav findet, dass das heute immer noch ein hervorragendes Motiv ist.

Für einen tieferen Einblick in die einzelnen Arbeiten finden Sie QR-Codes an den einzelnen Stationen, die mit Audiodateien hinterlegt sind. Und wenn wir schon beim Thema Audio sind, bedanken wir uns an dieser Stelle schonmal bei Alexander Wilß, der uns heute Abend mit musikalischem Programm begleitet. Ich bedanke mich bei Olav für die spontane Einladung, bei Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche Ihnen einen ereignisreichen Abend mit Olavs Formen, die seit 2000 passiert sind.